Zweites Global Diplomacy Lab in Istanbul

"Zersplitterung und Integration: für eine integrativere Weltordnung"

 4. bis 7. Juni 2015

 
Das Global Diplomacy Lab (GDL) ist ein Forum für eine neue und inklusivere Diplomatie jenseits der herkömmlichen Politik. Es möchte Diplomatie hinterfragen, ihrem Wesen auf den Grund gehen und ihre vielen Facetten darstellen, die in allen Bereichen unserer Gesellschaften zwar oft präsent, jedoch nur schwer als solche erkennbar sind. Daher vereint das GDL Vertreter vieler Disziplinen und kreative Menschen aus aller Welt, die internationale Politik auf der Metaebene diskutieren möchten. 
 
Zweiunddreißig Teilnehmer, von denen einige auch schon am Ersten Lab beteiligt waren, wurden eingeladen, um den ergebnisorientierten Dialog vom 4. bis 7. Juni 2015 in Istanbul weiterzuführen. Bei der Debatte zum Thema „Zersplitterung oder Integration: für eine integrativere Weltordnung“ tauschten die Teilnehmer ihre Gedanken und Projektideen mit namhaften Gästen ebenso aus wie im Rahmen von Peer to Peer Sitzungen und kreierten so einen gemeinsamen Schaffensraum. Das Zweite Global Diplomacy Lab fand im schönen Istanbul statt. Der perfekte Ort, meinte Ruprecht Polenz, Dekan des Global Diplomacy Lab, nicht nur, weil sich in Istanbul Europa und Asien treffen, sondern auch, weil die Türkei im Mittelpunkt zahlreicher Fragestellungen rund um die Themen Zersplitterung und Integration steht, die die Welt derzeit beschäftigen.
 
FISHBOWL-DISKUSSION: WO STEHT DIE DIPLOMATIE IM KAMPF GEGEN DEN TERRORISMUS?
In den Gesprächen über religiösen Extremismus und Terrorismus wurde schon sehr früh deutlich, wie wichtig Worte sind. Sanem Guner zog den Begriff des „Terrorismus“ dem des „Extremismus“ vor, da Extremismus sehr schwer zu definieren ist und nicht notwendigerweise die Gräueltaten nach sich zieht, die wir mit dem Wort in Verbindung bringen und die eher ein Ergebnis des Terrorismus sind. Man kann Terrorismus nur verhindern, wenn man weiß, wo er herkommt. Empfänglich für solches Gedankengut sind häufig Menschen, die sich ungewollt und benachteiligt fühlen. „Deshalb dürfen wir Terrorismus nicht als externes Phänomen behandeln, sondern müssen anerkennen, dass er Teil unserer Gesellschaft ist.“ Zwar verwies Moderator Tobias Leipprand auch immer wieder auf extremistische Gruppierungen aus dem christlichen, buddhistischen und hinduistischen Milieu, jedoch standen vornehmlich islamistische Extremisten im Mittelpunkt der Gespräche. Wie sehr sich diese Entwicklung auf das Leben der Musilme auswirkt, erklärte ein anderer muslimischer Diplomat: „[...] Vielen Dank, dass hier beim Global Diplomacy Lab niemand Angst davor hat, die unbequemen Fragen zu stellen.“
 
PEER-TO-PEER OPEN SPACE

In einer komplexeren Welt findet Diplomatie sowohl auf als auch neben dem traditionellen diplomatischen Parkett statt. Die internationale Zusammenarbeit erfolgt durch nationale und lokale Regierungen, Unternehmensverbände, Stiftungen, Kunst und Kultur sowie in vielen anderen Bereichen. Jeder Teilnehmer des Global Diplomacy Lab brachte seine eigenen diplomatischen Einblicke und Perspektiven mit nach Istanbul, und im „Open Space“ konnten klassische Diplomaten und andere Teilnehmer aus aller Welt voneinander lernen. Der Wunsch der Teilnehmer, ihr Wissen auszutauschen, war so groß, dass acht interaktive Sitzungen abgehalten wurden, zwischen denen sie hin- und her wechselten, um so viel wie möglich mitzunehmen.
 
DESIGN & DIPLOMATIE?
„Welche Lehren können wir aus dem Design für die Diplomatie ziehen?“, fragte Brenton Caffin, Leiter des Bereichs Innovationskompetenz bei der britischen Innovationsstiftung Nesta, der eine hochinteressante Präsentation über die Antworten auf diese Frage hielt. „Jeder Mensch, der seine Handlungen darauf ausrichtet, aus einer bestehenden Situation eine wünschenswerte Situation zu machen, designt. Design bedeutet Veränderung.“ Während sich viele Teilnehmer begeistert zeigten, blieben andere skeptisch: „Die diplomatische Welt ist vom Kopf her immer noch sehr konservativ“, so einer der anwesenden Diplomaten. „Aber schauen Sie sich doch einmal die Pharmaindustrie an“, konterte ein anderer Teilnehmer, „sie ist auch sehr konservativ und gilt gleichzeitig als der innovativste Sektor überhaupt. Es ist möglich, dass beides zusammengeht.“Ein weiterer Teilnehmer schlug vor, man könne „Innovation von außen in die traditionelle Diplomatie einbringen.“
Dekan Ruprecht Polenz war fasziniert von diesen Gesprächen und gab an, auch für ihn seien die Grundsätze des Designs auf die Diplomatie anwendbar, sowohl „innen“ als auch „außen“. Zum Beispiel auf den Ukrainekonflikt, „aber vielleicht sollten wir erst einmal innen anfangen“, so Polenz, „und die Funktionsweise des diplomatischen Systems an sich verändern“ - ein Prozess, der durch das Global Diplomacy Lab zweifelsohne mit angestoßen wurde.